Nebel hing über den Bergen. Es war saukalt. Die feuchte Kühle drang am Hals in Richtung Nacken und von dort den Rücken hinunter. Er stellte fest, wie seine Muskeln mit Anspannung reagierten, und gab mehr Gas. Die Maschine reagierte nicht nur mit mehr Geschwindigkeit, sondern auch mit mehr Vibrationen. Endlich hatte er den Pass erreicht und es ging wieder bergab. Er zog die Maschine durch lange Serpentinen ins Tal. Die Luft wurde lau, dann warm und plötzlich kamen die ersten Sonnenstrahlen. Ein wohliger Schauer begann, über seinen Körper zu kriechen und sein Bedauern über das zu frühe Aufstehen legte sich. Die morgendliche Stunde hat ihre Vorteile. Zum Beispiel, dass er ganz alleine unterwegs war.
Er legte sich in die nächste Kurve, spürte, wie die linke Fußraste den Asphalt berührte und ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Dann hörte er ein leises Plaff, sein Vorderrad kippte weg, das Motorrad zur Seite, er schleuderte in Richtung Straßenrand, die Maschine hinter ihm her. Instinktiv zog er das linke Bein an die Brust und versuchte, mit dem rechten Fuß sich von dem rutschenden Bike wegzutreten. Und dann war da Gras, ein Graben, er fiel, schlidderte einen Hang hinunter, bis er in einer Kuhle landete, das Motorrad mit einem hörbaren Platsch neben ihm.
Einen Augenblick blieb er liegen, atmete durch, während der Motor neben ihm erstarb. Vielleicht wäre er auch noch einen Moment länger liegen geblieben, hätte darüber nachgedacht, was gerade passiert war, wenn nicht jetzt ein leichtes Vibrieren an seiner linken Brust kurze Panik in ihm auslöste, bis ihm einfiel, dass es sein Handy sein musste, das sein Klingeln ankündigte und wirklich, ein, zwei Sekunden später Tina Turner mit Goldeneye loslegte. Er stand auf, öffnete das Helmschloss, zog mit der rechten Hand das Mobiltelefon aus der Innentasche seiner Jacke und mit der linken den Helm vom Kopf.
„Guten Mor…“
„Verdammt, wo bleiben Sie?“
„Ich nehme gerade ein Bad“, antwortete er.
„Das glaube ich jetzt nicht. In einer Stunde sollen Sie hier ein Sicherheitstraining abhalten und Sie liegen in der Badewanne?“
„Das habe ich nicht gesagt“, berichtigte er die Stimme am anderen Ende der Verbindung. Dabei klopfte er mit wenig Erfolg Gras und Schlamm vom Anzug.
„Machen Sie, dass Sie in Ihre Klamotten kommen und bewegen Sie Ihren Arsch hierher.“
„Das mit den Klamotten“ – und das sagte er mit einem leicht pikierten Unterton – „ist nicht das Problem. Meinen – Ähem – zu Ihnen zu bewegen, ein wohl größeres.“
Er hörte ein Schnauben in der Leitung. „Sie sind wohl ein ganz Spitzfindiger, was?“
„Auch das ist eine Frage der Betrachtungsweise“, konnte er sich wieder die kleine Korrektur nicht verkneifen. „Hören Sie, wenn Sie wollen, dass ich in einer Stunde mit dem Training beginne, müssten Sie eine Kleinigkeit dafür tun. Haben Sie einen Transporter?“
„Was glauben Sie denn?“
„Gut“, sagte er und watete zu dem im Graben liegenden Motorrad, „dann gebe ich Ihnen jetzt meine Koordinaten durch.“ Er las die Ziffern-Buchstaben-Kombination vom GPS ab und unterbrach die Verbindung.
Tödlicher Speed
Einen Augenblick später klingelte sein Handy. Schröder starrte auf das Display und fluchte. Der ruhige Arbeitstag begann mit einem Anruf von Hauptkommissar Behrendt. Und endete wahrscheinlich auch damit.
„Hallo Schröder, ich hoffe, ich darf Sie vor Ihrem Urlaub noch mit dienstlichen Angelegenheiten behelligen …“
Schröder konnte das Vergnügen in Behrendts Stimme deutlich heraushören. Der Hauptkommissar war ein guter Vorgesetzter, aber ein Kollege kurz vor seinem Urlaub löste auch bei Behrendt einen Beißreflex aus.
„Ich rufe Sie nicht an, weil da ein Mann auf dem Wallrafplatz sitzt, mit einer Kugel in der Brust und ziemlich tot. So etwas kennen Sie ja. Ich rufe Sie an, weil er einen Motorradhelm auf dem Kopf trägt. Das sollte Sie als Motorradfahrer interessieren. Vielleicht haben Sie Lust, sich den Mann einmal anschauen?“
Schröder ließ den Blick von seiner Lederkombi auf dem Boden zur Z 1000 in der Ecke schweifen. Hatte er Lust auf Ermittlungsarbeit? Auf rhetorische Fragen sollte man keine ernsthaften Antworten geben.
„Hauptkommissar, was ist denn das für eine Frage? Ein neuer Fall am letzten Arbeitstag vor dem Urlaub! Soll ich Ihnen mal sagen, was ich davon halte?“
Aus dem Handy kam nur ein Knistern. Axel stellte sich Behrendts verblüfftes Gesicht vor. Er ließ ihn einen Atemzug lang zappeln, dann ergab er sich seinem Schicksal.
„Diesen Fall schaue ich mir natürlich sehr gerne noch an. Chef, ich schwinge mich in mein Wohnmobil und bin in 20 Minuten vor Ort!“
Axel schnallte sich seine Walther um und steckte den iPod in die Jackentasche. Seine Ausrüstung für die nächsten Tage war beinahe vollständig versammelt. Den Ersatzkanister, Werkzeug und anderen Kleinkram würde er heute Abend zusammensuchen müssen. Schröder ging durch die Verbindungstür von der Garage zurück in das Haus. Der Auszug von Renate im letzten Jahr hatte für ein modernes, sachliches Styling der Inneneinrichtung gesorgt. Das bedeutete, dass die meisten Zimmer halb leer und nur ansatzweise Möbel vorhanden waren. Die Matratze lag immer noch im leeren Wohnzimmer, wohin er sie damals gezerrt hatte. Axel blickte durch das große Verandafenster in den Garten. Der Rasen war nach bald einem Jahr Wildwuchs in einen hüfthohen Naturzustand übergegangen und undurchdringlich. Auf der Liste der Dinge, um die Axel sich dringend kümmern musste, stand das Wort „Gärtner“ ziemlich weit oben – allerdings noch hinter solch furcht einflößenden Worten wie „Steuererklärung“, „Bügelbrett“ und „Partnervermittlung“. Die Sonne des Spätsommertages knallte auf die Steinplatten der Veranda. Ganz bestimmt würde es morgen in Assen bei seinem allerersten Mal auf einer richtigen Rennstrecke trocken sein. Axel spürte, wie sein Herz bei diesem Gedanken kurz beschleunigte. Aber dann löste er den Blick von der Veranda und verlies das Haus. Er hatte eine Verabredung mit einem toten Motorradfahrer.
Tödliche Schräglage
Der Waldrand in seinem Blickfeld kippte in Schräglage. Die Fußraste bekam Bodenkontakt und drückte seinen Fuß sanft hoch. Knapp über dem Boden flog er um die Kurve, richtete das Motorrad auf und steuerte auf den kleinen Parkplatz. Er ließ die Bulldog noch ein wenig ausatmen und drehte ihr dann den Zündfunken ab.
Der heiße Motor knackte in der Stille des Waldes. Wunderbare Sommerluft lag über der Lichtung. Er kickte den Seitenständer heraus und schwang sich von der Yamaha. Gut, das war gut. Schon bei der ersten Ausfahrt des Jahres hatte er eine perfekte Motorradstrecke gefunden. Kurve um Kurve durch dieses Eifeler Wäldchen, in Einhundertachtzig-Grad-Kehren den Berg hoch und in langen, schnellen Schwüngen wieder hinunter in das Tal. Er streckte sich und ging um die Bulldog herum. Flirrende Hitze stieg von dem V-Motor auf. Er zündete sich eine Zigarette an und starrte geistesabwesend in den Wald. Die Vibrationen des Motors und das Schwingen in den Kurven klangen in ihm nach.
Irgendetwas Rotes in seinem Blickfeld passte nicht zu dem Grün des Waldes. Vielleicht hatte jemand einen kaputten Plas-tikeimer weggeworfen. Ducati-Rot, registrierte er automatisch. Er machte einen Schritt nach vorne.
Das war kein Eimer. Er machte noch einen Schritt. Das war die Heckverkleidung einer 900 SS. Er ging langsam. Erst sah er die Sitzbank und den Tank, dann den Rest der Ducati. Sie lag auf dem Rücken, die Vordergabel unnatürlich nach hinten gedrückt. Er ging vorsichtig um das Wrack herum. Seine Na-ckenhaare richteten sich auf. Wo war der Fahrer? Vom Vorderrad aus konnte er erkennen, wo die Ducati sich einen Weg durch das Wäldchen gepflügt hatte. Falls der Fahrer zu diesem Zeitpunkt noch darauf gesessen hatte, musste er irgendwo in der Verlängerung dieser Linie zu finden sein. Er drehte sich um und stieß beinahe gegen eine große Fichte direkt hinter sich. In Brusthöhe fehlte ein Stück Rinde und Harz perlte wie honigfarbenes Blut aus dem weißen Holz des Stammes. Zwei Schritte dahinter sah er einen Motorradstiefel. Noch einen Schritt und er sah, wem er gehört hatte. Wie viel Vergnügen dem Mann vor ihm auf dem Boden diese Frühjahrstour auch gemacht haben mochte, jetzt war er eindeutig tot
Tödliche Falle
Das Ortsschild von Köln glänzte im schwindenden Licht des Sommertages. Die Aprilia überquerte die unsichtbare Grenze und fuhr weiter in Richtung Stadt. Das Motorrad war ganz alleine auf der Allee unterwegs, halb Deutschland hockte vor dem Fernseher und verfolgte ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft. Der Aprilia-Fahrer genoss die autofreie Straße und den Anblick der Maisfelder links und rechts der Allee. Quer über der Fahrbahn vor ihm glänzte ein schmaler Lichtstreifen. In dem Landstraßentempo, mit dem er auf der Tuono unterwegs war, dauerte es zwei Herzschläge, bis der Mann erkannte, was diesen Lichtstreifen erzeugte. Dann war es zu spät, um noch zu reagieren. Das Drahtseil traf ihn über der Brust in Höhe der beiden Schlüsselbeine und rutschte nach oben, als es sich straffte. Wie eine Klinge schnitt es durch das weiche Fleisch seines Halses, zertrennte die Schlagadern und glitt zwischen zwei Halswirbeln durch die Wirbelsäule. Der Kopf trennte sich vom Körper und flog in einem hohen Bogen auf die Straße. Der Motorradhelm ließ ihn vom Asphalt abprallen, er rutschte einige Meter weiter und drehte sich dann wie ein Würfel auf der Stelle, bis er zum Stillstand kam. Der kopflose Torso ging mit leichter Verzögerung vom Gas. Das reichte, um die Maschine stabil weiterfahren zu lassen. Die Tuono lenkte etwas nach links, überquerte den schmalen Grünstreifen am Rand der Straße und verschwand im Maisfeld, bis das Motorrad nur noch mit Standgas weiterrollte und sich dann sanft auf die Seite legte. Der Motor erstarb und eine atemlose Stille legte sich über das Feld. Der Helm lag am Straßenrand, als hätte ihn gerade ein Motorradfahrer vom Kopf genommen und vorsichtig abgelegt. Die Augen im Schädel starrten auf das Maisfeld. Dämmerung legte sich behutsam über das Leuchten des Sommertages. Aus der Ferne drang zart ein Brausen herüber. Im WM-Spiel war das erste Tor gefallen.
Auf St. Pauli stirbt man zweimal
Als Pit zum ersten Mal stirbt, ist es in Hamburg früher Morgen. Selbst die Reeperbahn ist menschenleer, als er mit der Triumph zum Wasser abbiegt. Das Wasser ist die Elbe, die hier schon nach Meer riecht und für einen Fluss sowieso zu breit und zu träge daherkommt. An einem Sonntag würden sich jetzt die Menschen drängen, um auf dem Fischmarkt einen „Oginool“-Hamburger Fischverkäufer sehen zu können, der mit toten Fischen um sich wirft. Aber an diesem Tag donnert die Tiger alleine den Pepermölenbek herunter, wo früher wahrscheinlich einmal der Bach einer Pfeffermühle entlanggeflossen war. Pit fährt langsam, sein langes Haar flattert im Wind. Über seiner Lederjacke trägt er seine Kutte, eine Jeansjacke mit herausgetrennten Ärmeln, die aller Welt zeigt, zu welcher Rockergruppe er gehört. Er ist müde und noch ganz von dem Streit gefangen, der gerade mit Geschrei zu Ende gegangen ist. Als er am Fischmarkt vorbeifährt, taucht hinter ihm ein großer Benz auf. Pit hat einen Rückspiegel in Form eines Eisernes Kreuzes an der Triumph. Doch darin sieht er nicht, wie das Fenster auf der Beifahrerseite des Benz heruntergedreht wird und sich ein Mann aus der Öffnung zwängt. Er hört das Auto neben sich, aber er wendet ihm keinen Blick zu. Autofahrer sind Spießer, denen man keine Beachtung schenkt. Als er bemerkt, dass der Benz ihn nicht überholt, sondern neben ihm bleibt, ist es bereits zu spät. Der Mann im Beifahrerfenster hat einen Baseballschläger aus dem Auto gezerrt und schwingt ihn über seinen Kopf wie ein Lasso. Am Ende der Kreisbewegung trifft das Holz auf den Kopf von Pit. Als der Schädel bricht, übertönt das helle Knacken des Knochens beinahe das Geräusch der Motoren. Pit stürzt und mit ihm die Triumph. Funkensprühend rutscht Metall über das Pflaster, der leblose Körper hinterher. Die Triumph schlägt mit einem Rest von Bewegungsenergie in die niedrige Mauer zwischen Hafenstraße und Elbe ein und wird still. Pit liegt da, mit offenen Augen, aber mit starrem Blick, in einer verdrehten Haltung, für die sein Körper eigentlich nicht gemacht ist. Der Benz hat angehalten, und der Mann mit dem Baseballschläger ist ausgestiegen. Seine schweren Stiefel stehen dicht vor Pits Gesicht. Möwen kreischen. Und Pit hört auf, Pit zu sein.
Die Leiche im Lavendelfeld
Mercy war nachtblind. Nur mit Mühe konnte sie im Dunkeln Konturen unterscheiden und wenn ihr ein Auto entgegen kam, wurde ihre Fahrt zum Blindflug. Wie jetzt beispielsweise. Zwei Xenonscheinwerfer tauchten hinter einer Kurve auf, sofort ging sie vom Gas. So ein Quatsch, schalt sie sich, halt weiter drauf, sonst kommst du nie an. Schnell drehte sie wieder am Quirl. Die Scrambler schoss nach vorn und in wenigen Sekunden hatte das entgegenkommende Fahrzeug Mercy passiert. Dunkelheit breitete sich wieder vor ihr aus.
Sie konnte gar nicht in Worte fassen, wie sehr sie es hasste, um zwei Uhr nachts mit dem Motorrad unterwegs zu sein. Sie fühlte sich schutzlos und verlassen, der Fahrtwind kroch kalt in jede Ritze, die ihr Motorradanzug frei gab. Trotz Temperaturen um die zwanzig Grad. Und sie sah einfach verdammt wenig. Mercy holte tief Luft. Da roch sie endlich, den Lavendel. Ihr Ziel rückte näher, das Kurvenparadies mit den spektakulärsten Ausblicken Europas.
Begeistert hatte sie Anfang der Saison entdeckt, dass der Canyon du Verdon endlich einen Platz im Tourenprogramm von Bikinger & Motorowski gefunden hatte. Doch dann kam die Nachricht ihres Arbeitgebers: Nur fünf Motorradfahrer hatten sich für die Tour angemeldet, die Finanzkrise machte auch vor B & M nicht halt. Ihr Einsatz als Mechanikerin wurde gestrichen. Tourguide Julian Brandt als Betreuung musste laut Chef, so behauptete zumindest die Zentrale, genügen.
Sie hatte versucht, ihren Frust mit der Premiumedition von Kung Fu Hustle zu bewältigen. Es hatte nichts genützt. Sie hatte Shaolin Kickers nachgelegt, doch nach einer achtundachtzig minütigen Pause war die Depression wieder über sie hergefallen wie ein bisswütiger Mastiff. Schließlich erfüllte sie sich einen anderen langjährigen Wunsch, sie meldete sich zu einem Trainingscamp bei Meister Dr. Chiu Chi Ling an und übte loszulassen. Bis zu dem Moment, als Produktmanager Rainer Wuntziger bei ihr anrief und anfragte, ob sie eventuell kurzfristig einspringen könnte. Seine Firma Motal sei zum Testen der neuen Motorradbekleidungskollektion am Lac de Sainte-Croix und ihr Fuhrparkbetreuer mit Schweinegrippe ausgefallen.
Das war vor sechseinhalb Stunden und 591 Kilometern gewesen. Nach einem kurzen Stück Autobahn bei Sisteron ging die restliche Strecke über beste französische Landstraße. Mercy zirkelte und zirkelte, mal rechts, mal links, mal links mal rechts um scharfe Kurven und war heilfroh, dass so wenig Verkehr war. In La Bégude-Blanche überlegte sie, ob eine kurze Rast angebracht wäre, doch was sollte sie in diesem ausgestorbenen Ort machen? Sie wünschte sich eine heiße Schokolade und verfluchte sich selbst, weil sie nicht einmal einen Müsliriegel in der Jacke trug.
Und irgendwann, als sie schon gar nicht mehr an ein Ankommen glaubte, als sie nicht einmal mehr wusste, ob sie beim Anhalten nicht vergessen würde, ihre Beine auf den Boden zu stellen, da tauchte das Ortsschild Les Salles-sur-Verdon im Schein ihrer Motorradlampe auf.
Schüsse am Schauinsland
Über ihr Leben sinnierend passierte Mercy Oberried, Buchenbach, Unteribental und hätte vielleicht sogar völlig in Gedanken versunken die Suzuki Gladius verpasst, wäre da nicht ein Mann gestanden und hätte gewunken.
Hektor Schorlau parkte mit seiner Harley direkt neben der Suzuki. Mercy fuhr rechts ran, machte den Motor aus und sprang aus dem Ducato.
„Was machst du hier?“, begrüßte sie Hektor.
„Ermitteln“, behauptete er, als er ihr einen Schmatz auf die Backe drückte.
„Was gibt es an der Gladius zu ermitteln?“, fragte sie weiter. „Wir haben sie doch genauestens durchsucht.“
„Die zwei Burschen mit den verkleideten Bikes sind aus der Gruppe verschwunden und da dachte ich, ich folge ihnen.“
Mercy schaute ihn an, dann den Chopper, rekapitulierte den Umstand, dass Hektor gerade erst den Führerschein gemacht hatte. Wie hätte er da Luis und Milan verfolgen wollen? Nicht den Hauch einer Chance hatte er. Doch sie war zu nett, ihn darauf aufmerksam zu machen.
„Wo sind Luis und Milan jetzt?“, fragte sie stattdessen.
„Hier nicht“, antwortete Hektor.
Mercy nickte und sah zur Suzuki. Was hatte Julian gesagt, wo der Schlüssel versteckt war? Sie wollte gerade nähertreten, als ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Sie fuhr herum und sprang gleichzeitig mit Schorlau hinter den Transporter. Sie hörte ein Bersten und Krachen. Metallteile flogen über die Straße. Mercy beobachtete, wie ein Radfahrer einem wie ein Frisbee kreiselnden Rückspiegel gerade noch ausweichen konnte, bevor dieser in den Asphalt einschlug. Verdutzt blieb der Radler auf der Stelle stehen und starrte auf den Punkt, an dem die Gladius stand oder was von ihr übrig geblieben war.
Mercy hob den Kopf, um um den Ducato herumschauen zu können. Als sie nicht erkennen konnte, was in der Parkbucht vor sich ging, stand sie vorsichtig auf. Hektor neben ihr erhob sich ebenfalls. Über der Suzi verbrannte eine Flamme das Restbenzin aus dem Tank.
„Soll’n wir lösch’n?“, fragte Schorlau. „Hast einen Feuerlöscher im Auto?“
„Das lohnt sich nimmer“, antwortete sie. „Aber was war das?“
„Das war“, erklärte ihr Schorlau, „einmal eine Suzuki.“
„Ich wusste gar nicht, dass österreichische Inspektoren zu den ganz Schlauen gehören“, murmelte sie und ging langsam näher an das Ex-Motorrad heran.
„Tun wir, werte Mercy. Da wollt’ wohl jemand auf Nummer Sicher geh’n, dass der Stick nicht g’fund’n wird. Zum Glück hab’n wir das schon, ihn g’fund’n, mein ich. Wo hast du ihn versteckt?“
Mercy klopfte sich lächelnd auf die Hosentasche und spürte, wie ihr Herz zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit aussetzte. Da war kein Stick, ihre Hosentasche war leer. In geradezu übermenschlicher Anstrengung gelang es ihr, dennoch so zu tun, als ob das Speicherteil sich genau dort befand, wo sie behauptete. „Bestens untergebracht. Hätte er oder sie nicht leichter das Schloss der Sitzbank geknackt, als hier einen Sprengsatz zu deponieren? Es hätten Personen zu Schaden kommen können.“ Sie deutete auf den Radfahrer, der immer noch dastand und starrte.
„Wenn Mensch’n immer dran denk’n würd’n, was ihre Tat’n für Konsequenz’n ham, dann würde niemand sich alkoholisiert ans Steuer setz’n oder zu schnell foahn.“
„Du willst doch nicht ernsthaft einen Sprengsatz verbauen mit erhöhter Geschwindigkeit vergleichen?“
Der Radler verfolgte ihr Gespräch mit viel Spannung.
„Selbstredend nicht. Aber es war auch nur ein kleiner Sprengsatz. So einer, der nur eine kleine Sitzbank vernicht’n tut. Und wir, wir sollt’n die Kripo ruf’n“, meinte Hektor.
Nun hatte der Radfahrer doch genug davon, den Kiebitz zu spielen. Er stieg in die Pedale und eilte davon.
„Schon wieder die Kripo. Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist“, Mercy knetete ihren Unterarm. „Immerhin werden sie nicht begeistert davon sein, dass sie das Motorrad der Toten nun nicht mehr vollständig untersuchen können. Und das, weil wir es zum Fahren verliehen haben.“ Sie erzählte von der entsprechenden Anfrage beim Berghotel.
„Was willst’ stattdessen? Des Bike einpack’n?“
„Das wäre doch eine Option.“
„Eine Option, hm? Nein, Mercy, das wäre keine Option.“ Immer wenn Hektor auf Hochdeutsch umschaltete, war Sorge angesagt. Mercy verfluchte den Moment, an dem er in das Leben von Bikinger & Motorowski getreten war. Als er in Tirol einen anderen Todesfall untersucht hatte, als er diese Reise buchen musste. Warum war er nicht in Österreich geblieben? Oder würde wenigstens Julian hinterherfahren? Warum stand er hier und vertrat bei allem, worüber sie sprachen, die gegensätzliche Meinung?
Kurbelwellen weinen nicht
Mit dem leichten unbesetzten Enduro-Beiwagen war er gezwungen, vor Rechtskurven deutlich abzubremsen. So hatte sich seit einigen Kilometern ein dunkelblauer BMW hinter Jojos Gespann geklemmt, der ständig dichter auffuhr, weil ihm das Dreirad offenbar zu langsam war. Jonas konnte mangelnden Abstand nicht leiden. Was, wenn er plötzlich stark bremsen mußte? Der Nachfolger walzte ihn dann doch platt, er konnte es gar nicht verhindern.
An einem geraden Straßenstück bremste Jojo ab, um den eiligen Bayern vorbeizulassen. Doch der wollte nicht überholen und klebte weiter am Nummernschild des Gespanns. Jojo zuckte die Schultern und gab wieder Gas. Der BMW auch. An irgend etwas erinnerte den Journalisten dieses Auto, er kam aber nicht drauf, was es war.
Schließlich ließ sich der PKW zurückfallen, schloß jedoch gleich danach wieder dicht auf. Wollte er spielen? Jojo kannte eine kurze Nebenstrecke, die durch ein thüringisches Dorf führte. Er setzte den Blinker rechts und bog ab. Der BMW folgte. Ganz offensichtlich hatte er es auf Jonas’ Gespann abgesehen. Der Journalist hatte es durchaus schon erlebt, daß er mit seinem seltenen Fahrzeug aus reiner Neugierde verfolgt wurde, doch so hartnäckig hatte sich noch kein Bewunderer gezeigt.
Als Jojo wieder auf die Landstraße stieß, den PKW nach wie vor dicht hinter sich, wurde es ihm zu bunt. Mal sehen, dachte er, was dein Tieferlegungssatz und deine Breitreifen ausrichten können.
Eine langgezogene Rechtskurve lag vor ihnen, Jonas konnte sich gut an sie erinnern. Im Scheitel der Kurve zweigte ein Waldweg ab, direkt in Verlängerung von Jojos Fahrlinie. Hinter der Kurve kam ihnen ein Sattelschlepper entgegen, der durch den lichten Wald gut zu erkennen war.
Jonas Jordan schaltete einen Gang zurück, ließ den BMW noch dichter auffahren und riß dann das Gas auf. Sein Gespann schoß über die Gegenfahrbahn hinweg, kurz vor der Schnauze des Sattelzugs direkt den Waldweg hinauf. Jojo stellte sich in die Rasten, mit hoher Geschwindigkeit raste sein Enduro-Gefährt über unwegsames Gelände. Hinter sich hörte er die zornige Fanfare des Lasters und quietschende Reifen. Seinem Motor gönnte Jonas keine Verschnaufpause und prügelte das Dreirad weiter über Baumwurzeln, Wackersteine und Grasnarben. Zwei Weggabelungen lagen vor ihm, die ihn der erfahrene Motorsportler damals entlanggeschickt hatte, um abzukürzen. Schotter prasselte, als das Gespann hindurchstob, und der Beiwagen mähte eine lange Reihe verblühter Fingerhüte nieder. Äste knackten und wurden emporgeschleudert, und zwei alte Eschen standen wie Torwächter links und rechts am Waldweg, um kein Fahrzeug hindurchzulassen, das breiter war als Jojos Gespann.
Der Journalist grinste unter seinem Helm. Den Verfolger hatte er abgeschüttelt. Das Fahrwerk der Zuhälter-Schaukel würde es keine zehn Meter weit mit dem Gelände des Thüringer Waldes aufnehmen können.
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